Wie geht´s uns denn heute!
Sozialpsychiatrie zwischen alten Idealen und neuen Herausforderungen
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Sie treffen den Nerv der Zeit - die 29 Autoren von «Wie geht´s uns denn heute! - Sozialpsychiatrie zwischen alten Idealen und neuen Herausforderungen» aus dem Paranus Verlag. Die Herausgeber F. Bremer, H. Hansen und J. Blume verweisen auf die "kritische Bilanz" der Beiträge, bezeichnen sie als "offen und persönlich, resümierend und visionär". Das bunte Spektrum der Sichtweisen zu den Themen Psychiatriereform, Trialog, Sparzwang, Qualitätsmagement, Machtkämpfe, Antistigma-Kampagne, Psychose-Seminar, Selbsthilfe, Pharma-Industrie... gleicht einer radikalen Aufräumaktion, von polemisch über streitbar bis sachlich geführt. Im Editorial "Zeitzeichen" pointiert Hartwig Hansen mit eigenen Worten und Zitaten verschiedene Zustände der Psychiatrie; in der Gemeinde, in der Universität, in den Medien...: "Psychiatrie im Fangnetz der Marktgesetze", "Sozialpsychiatrie ohne Zukunft?", "Die Zeit (ist) reif für eine neue Psychiatrie-Enquete" sind Hinweise darauf, dass etwas in der Luft liegt, "das beunruhigt, umtreibt und veranlasst, sich nach Verbündeten umzuschauen".
Sozialwissenschaftler Oskar Negt warnt in "Zwischen Zeitgeist und Krankheit" vor den gesellschaftlichen "Krankheitssymptomen". Es sei eine gefährliche Geschichte, "wenn die Menschen wurzellos und ohne feste Orientierung herumgewirbelt werden. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass eine ganze Gesellschaft verrückt wird"... Auch die Autoren, Dorothea Buck, Thomas Bock, Klaus Dörner, Beate Lisofsky, Niels Pörksen, Matthias Seibt, Karlheinz Walter und die anderen geben sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage: "Wie geht´s uns den heute?"
Die Bestandsaufnahme von Heinz Deger-Erlenmaier, Gründungsmitglied des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker, stellvertretender Vorsitzender von 1985 bis 1991 und Autor zahlreicher Bücher zur Angehörigenarbeit, findet Lichtblick nicht so toll. Er beleuchtet - wie er selbst betont - "aus der Distanz - ganz subjektiv und unausgewogen - Entwicklungen und Fehlentwicklungen" der Angehörigenbewegung. Ins Visier seiner Polemik "25 Jahre Psychiatrie-Reform - 15 Jahre Bundesverband der Angehörigen psychisch Kranker" geraten Angehörigenfunktionäre, "die unter dem Motto »Make Partnerships Work« das »Hohelied« auf die atypischen und sonstigen Psychopharmaka" singen. Besonders aufs Korn nimmt er die Kooperationsvereinbarung zwischen Lilly Deutschland und Bundesverband sowie die vom Angehörigenverband Mecklenburg-Vorpommern herausgegebene Zeitschrift "Lichtblick", Printausgabe 2000, http://www.lichtblick-newsletter.de/download-lb.html. Deger spricht von »Amerikanisierung«, nennt das, was sich die deutsche Angehörigenbewegung auf die Fahne geschrieben hat, "die Reduktion auf eine rein medizinische-biologische Sicht psychischer Erkrankungen unter Ausblendung aller anderen Gesichtspunkte". Viele Schläge, die Deger-Erlenmaier verteilt, gehen unter die Gürtellinie. Stolz ist er auf die organisierten Psychiatrie-Erfahrenen, die "bisher standhaft geblieben sind...". Liegt ein neues, polarisierendes Buch von Deger-Erlenmaier in der Luft? Wie wär's mit dem Titel: «Nieder mit der Pharma-Industrie! Vorwärts in die Vergangenheit!» Deger-Erlenmaier verliert kein Wort darüber, dass die Zusammenarbeit von Selbsthilfe und Pharma-Industrie im Bereich anderer Erkrankungen längst kein Tabu mehr ist. Zum Beispiel beschäftigt sich der 4. Deutsche Selbsthilfekongress im September 2001 (Bad Homburg) mit den Grundlagen und Zukunftsaussichten für Kooperationen. Und im letzten Jahr verlieh zum ersten Mal der Fond Hessischer Arzneimittelfirmen den mit 7.500 Mark dotierten Förderpreis für Selbsthilfegruppen an eine Parkinson-Selbsthilfegruppe. Bei Angehörigen und Psychiatrieerfahrenen geht das nicht? In diesem Punkt wird wohl die Psycho-Selbsthilfe-Welt zerstritten bleiben.
Rezensent:
Roland Hartig |