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Powered by Psychose:Quotentrauma in der "Fernseh-Anstalt"

von Marianne Kestler

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Anspruchsvoll, wirklichkeitsnah und authentisch - so lauten im Sommer die Ankündigungen zahlreicher Trailer, die der Fernsehsender Sat.1 in werbewirksamer Regelmäßigkeit über den Äther jagt. Ein innovatives Serien-Format will in der Prime Time, zwischen Schwester Stefanie und dem alphateam, die Psychiatrie und deren "Kunden" enttabuisieren, entstigmatisieren und salonfähig machen.

Die Anstalt - zurück ins Leben. Schon der Titel der neuen Sendereihe entbehrt nicht einer gewissen Brisanz. Bereits vor Ausstrahlung der ersten Folge sorgt er in der Psychiatrieszene für erhitzte Gemüter. Die Antipsychiatrie-Fraktion spricht von einer "Verherrlichung des zwangspsychiatrischen Folterapparates". Skeptiker auf der Betroffenen- und Profiseite bezweifeln die Seriosität einer solchen Unterhaltungsserie. Der gemäßigte Flügel sieht darin eher eine Chance, die TV-Klapsmühle für Anti-Stigma-Aktionen nutzbar zu machen.

Anstalts-Produzent und ehemaliger RTL-Programmdirektor Mark Conrad gibt sich optimistisch. Er bekräftigt den Anspruch, den die Produktionsfirma an sich gestellt hat. "Wir wissen, dass wir ein Tabu brechen", sagt er gegenüber der Berliner Morgenpost, "aber erstens machen wir uns nicht über Kranke lustig, und zweitens behandeln wir mit größter Sensibilität ein Thema, das die Menschen in dieser aufgewühlten und perspektivlosen Zeit wirklich beschäftigt." 26 Folgen der Psychiatrie-Staffel hat der Berliner Sender dem Produzenten abgekauft. Die werden jeweils Donnerstags abends zur Prime Time ausgestrahlt.

Worum geht es? Schauplatz ist die geschlossene Station P2 in der fiktiven psychiatrischen Klinik Rosental in Berlin. Als Protagonisten fungieren ein Team aus Ärzten und Pflegern um die Chefärztin Constanze von Weyers (Jenny Gröllmann) und natürlich dessen Patienten. Sie sind es, die für die Action sorgen. Die Charaktere kommen relativ authentisch rüber, wenn auch gelegentlich überzogen. Da ist zum Beispiel der paranoide Rentner Erich (Günter Junghans), der früher in einer MfS-Kantine gearbeitet hat und nun als STASI-Spitzel in der Anstalt spioniert. Oder die schizophrene Lena (Jennipher Antoni) mit ihrem fiesen Begleiter Armin, den außer ihr niemand wahrnimmt, der zwangskranke Stefan, der sich die Hände blutig schrubbt, und der Patient mit Tourette-Syndrom, dem immer wieder ein "Arsch" oder "Fick" entfährt, statt Guten Tag und Auf Wiedersehen. Die ganze Palette gängiger psychiatrischer Diagnosen scheint vertreten. Doch nicht nur die. "Das sind bewegende Schicksale, dramatische Konflikte und amüsante Begegnungen", beschreibt die Sat.1-Redaktion auf ihrer Webseite die Handlung. "Drinnen die psychiatrische Abteilung, draußen die geregelte, 'normale' Welt. Aber sind die Grenzen zwischen Krank und Gesund, Gut und Böse, Wahn und Wirklichkeit tatsächlich so scharf, wie wir alle glauben?"


Kritische Stimmen: Anti-Stigma oder "absoluter Schwachsinn"?

Hohe Ansprüche für eine Unterhaltungsserie. Die Kritik nach Ausstrahlung der ersten Folge am 12. September um 21:15 Uhr fällt entsprechend scharf aus. Im User-Forum auf der Sat.1-Webseite bezeichnen Zuschauer die Anstalt als "unrealistisch", "ziemlich bescheuert", "grottenschlecht", "total daneben" oder "absoluten Schwachsinn". Ein Zuschauer schreibt: "Ich möchte nicht wissen, wie viele Leute sich jetzt in ihrer Theorie bestätigt fühlen, dass Leute, die psychisch krank sind, alle verrückt sind!" Die meisten dieser "Kritiker" sind selbst Betroffene oder Angehörige. Nicht unbedingt repräsentativ für die werbewirksame Zielgruppe der Fernsehanstalt. Dennoch: Die Einschaltquoten zwischen der ersten und den nächsten Folgen fallen senkrecht in den Keller. Schauten bei der ersten Sendung noch 3,86 Millionen werbewirksame Menschen zu, sind es einen Monat später, im Oktober, nur noch 0,89 Millionen. Das entspricht einem Marktanteil von schlappen 6,9 Prozent. Selbst nachdem der Sendeplatz auf 20:15 Uhr vorverlegt wird, ändert sich nichts an dem Negativ-Trend. "Die Anstalt floppt" oder "Quotentrauma für SAT.1" schreibt das Medienportal DWDL im Internet.

Doch nicht nur böse Zungen werden laut. So sieht die Bayerische Anti Stigma Aktion (BASTA) in der Anstalt durchaus nutzbares Potential, um die schwierige Thematik seelischer Erkrankungen mehr ins Bewusstsein von Otto-Normalverbraucher zu bringen. "Die Anstalt kann mit Sicherheit nicht dem Anspruch 'alles richtig zu machen' gerecht werden", sagt BASTA-Sprecher Dr. Stephan Heres. "Wir sind allerdings froh darüber, dass das Thema psychische Krankheiten einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird und versuchen, kritische Details der Serie nicht unkommentiert zu lassen."

In Zusammenarbeit mit dem Psychiatrienetz und dem BapK stellt die Sat.1-Online-Redaktion auf ihrer Webseite eine Reihe von Hintergrundinformationen rund um Psychiatrie, psychiatrische Erkrankungen und Anlaufstellen bereit. Ein Expertenforum, über das Zuschauer und User interaktiv mit Fachärzten oder Vertretern einzelner Fachverbände in Kontakt treten können, ergänzt das Angebot. Acht Experten stehen dort Rede und Antwort. Der Zulauf ist eher flau. Meist melden sich Surfer, die ohnehin auf der Internet-Seite unterwegs sind, wenn überhaupt. Das Gros der Fernsehzuschauer weiß nichts von diesem Forum. Die Bitte an die Redaktion, während der Sendung einen entsprechenden Hinweis einzublenden, prallt ab. Begründung der Fernseh-Anstalt: "Da das Format mit so hoher Priorität einstartet und so seriös präsentiert wird, passt ein Crawl nicht dazu." Was es mit der Seriosität auf sich hat, wissen wir nicht. Immerhin: Wir haben gelernt, was ein "Crawl" ist.
 
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Zum Auftakt rebelliert Philip Keller (Lorenz Christian Köhler)
gegen seine Einweisung in die Klinik.
Dr. Franziska Braun (Yvonne Johna) gelingt es, Zugang zu ihm zu finden.
Sie hat Zweifel an Philips vermeintlichen Wahnvorstellungen und verspricht, sich für ihn einzusetzen...

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Lena Kowacz (Jennipher Antoni) leidet unter Schizophrenie.
Lena findet in "Armin" einen Begleiter, den niemand sonst sieht und hört.

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Borys Ponew ist "Armin".

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Dr. Peter Baumann (Thomas Huber) ist überaus engagiert.

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Dr. Constanze von Weyers (Jenny Gröllmann) ist die Chefärztin.




Fotos: www.Sat1.de

 

Pioniere mit langem Atem

Allen Unkenrufen zum Trotz hat der Sender zunächst entschieden: Die 26 gedrehten Folgen sollten komplett ausgestrahlt werden. "Wir haben den längeren Atem", erklärte Sat.1-Chef Michael Hoffmann noch im Oktober gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Eine weitere Staffel werde allerdings nicht produziert. Im Dezember dann das Aus. Nachdem die Einschaltquoten auf einen Marktanteil unter fünf Prozent schrumpften, war die Luft raus. Nach knapp drei Monaten wurde die Serie aus dem Programm genommen. Denn im Endeffekt geht es doch um Quoten - und damit um Geld.

Über den Grund für das Quotendilemma lässt sich spekulieren. Liegt es am mangelnden Interesse der Bevölkerung für das Thema Psychiatrie? Zeigt die Gesellschaft so wenig Bereitschaft, sich mit einer noch immer tabubeladenen Randgruppe zu beschäftigen? Oder ist die Anstaltsserie wirklich "absoluter Schwachsinn"? Andreas Thiemann, PR-Sprecher bei Sat.1, hält letzteres für wenig wahrscheinlich. Die Qualität der Sendung an sich sei unbestritten. "Eher spielen Berührungsängste in der Bevölkerung eine Rolle. Das Thema ist für die breite Masse wohl doch zu speziell. Schließlich will ein Sender wie Sat.1 ja auch unterhalten. Bei so einem traurigen Thema ist das immer eine Gratwanderung."

Pioniere hat es immer schon gegeben. Der Versuch des Fernsehsenders, das gesellschaftlich heikle Thema Klapsmühle mit seriösem Anspruch in eine Unterhaltungssendung zu packen, wurde im November 2002 honoriert. Die Anstalts-Staffel hat den "Lilly Schizophrenia Award" erhalten. Diese Auszeichnung würdigt seit 1996 herausragende Leistungen zur Verbesserung der Lebensqualität und zur Entstigmatisierung von schizophren Erkrankten in der Gesellschaft. Gefällt wird die Entscheidung von einer unabhängigen Jury. Der Pharmakonzern sponsert dabei die materielle Dotierung. Die Sat.1-Serie erhält den Preis in der Kategorie "Hauptpreisträger Journalismus (Fernsehen)" für ihre realistische Darstellung psychischer Erkrankungen in einem Unterhaltungsformat.

Pioniere haben immer auch Nachfolger, die in ihre Fußstapfen treten.
Auf die dürfen wir demnächst gespannt sein.

© Marianne Kestler, Dezember 2002,
E-Mail: marianne.kestler@rhein-main.net


Jenny Gröllmann ist Schirmherrin des Schulprojekts von Irrsinnig Menschlich e.V

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Irrsinnig Menschlich e.V. -
Verein für Öffentlichkeitsarbeit
in der Psychiatrie

Johannisallee 20, 04317 Leipzig
Tel. 0341/222 89 90

E-Mail: info@irrsinnig-menschlich.de
Internet: www.irrsinnig-menschlich.de



 
 

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