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Die Tiefe der Talkshow
Wolfgang Herles
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Kein Rasten, nur Ausrasten
Autor Wolfgang Herles nimmt in "Die Tiefe der Talkshow" den Talk-Zirkus auf die Schippe
Von ddp-Korrespondentin Christina Denz
Berlin (ddp). Anselm Klamm ist gelangweilt - vom Job, der Familie, von Politikern und Talkshows im Allgemeinen. Dabei wähnt sich der Münchner Polit-Moderator in Wolfgang Herles neuem Roman "Die Tiefe der Talkshow" selbst ganz oben, noch vor "Johannes, Gabi, Reinhold, Sabine, Maybrit, Sandra und Bio".
Seinem Kontrahenten Chrysostomus "Tobi" Tobel geht es da nicht viel anders. Mit dem Lächeln eines "gelangweilten Raubtiers" laviert sich Tobel zwischen verblassten Kinolegenden und "Haider" hindurch. Aber anders als Klamm lässt Tobel in seiner Sendung "nichts auf den harten Boden der Tatsachen" prallen und dankt noch dem afghanischen, "irgendwie unheilbar wirkenden Schicksal" schnell "für die Emotionen". Mit den beiden Formaten "Tobels Talk" und "Klamm hakt nach" sezierte Herles mit humoriger Feder zwei gegensätzliche Formate des deutschen Talk-Zirkus: Klamm mimt den Harten, Tobel den Nachdenklichen. Dabei klaut Herles hemmungslos bei realen Vorlagen. "Anselms Stärke waren Unterstellungen", schreibt er und lässt Extrem-Frager Michel Friedman vor den Augen der Leser wieder aufleben: "Anselm grapschte mit den Händen nach den Leuten, grinste ihnen zum Anspucken nah ins Gesicht." Selbst zum Luftholen lassen Anselms Anstürme den Gästen keine Zeit, "bei ihm gab es kein Rasten. Nur Ausrasten." Das zieht.
Tobel dagegen, der "Charmebolzen", kommt nicht mehr an. Die Quote im Nacken, Programmgeschäftsführer Moll vor Augen, versucht er der Krise mit jungen Mädchen zu trotzen. Und dann erhält ausgerechnet Widersacher Klamm, der es satt hat, in den "trostlos anbiedernden Hundeblick" der "Merkel" zu glotzen und die "Spielarten der Lüge" durchzuexerzieren, den begehrten Medienpreis. Das stachelt Tobel erst richtig an. Als er mit viel Fernsehprominenz seinen 50. Geburtstag in Dubai begeht, entgleitet den beiden eitlen Hähnen ihr Gezänk um den Talker-Thron.
Bei der Satire schöpft Herles aus erster Quelle. Der frühere Politik-Redakteur des Bayerischen Rundfunks moderierte selbst von 1992 bis 1996 die ZDF-Talkshow "live", bevor er die Leitung der ZDF-Kultursendung "Aspekte" übernahm. Nicht, dass er sich seine Erlebnisse habe von der Seele schreiben müssen, beteuert Herles. "Die Tiefe der Talkshow" sei schließlich keine Biografie. Aber die Einsicht, dass der Moderator in der Show eine "Rolle" spielt und "keine persönliche Beziehung" mehr zu seinem Publikum unterhält, habe er am eigenen Leib erfahren.
Auch manche Ängste seiner Protagonisten erlebte Herles, etwa, warum das Publikum nicht lache, oder "warum es an der falschen Stelle lacht". Und wenn Talkgäste nicht so eloquent parlierten, wie erhofft, trieb das Herles schon den Schweiß auf die Stirn.
Als Abrechnung versteht er sein Buch dennoch nicht. Friedrich Küppersbusch, der "Die Tiefe der Talkshow" in Berlin vorstellte, sieht in der "unendlichen Vergrößerung" der Talker-Eitelkeiten sogar "einen Akt der Liebe" zum Metier. "Eigentlich müsste man Christiansen ins Grundgesetz schreiben", sagt Herles denn auch. Denn die Talkshows brächten Themen an den Mann, was Parlament und Politiker nicht mehr schafften.
Nach der Veröffentlichung allerdings dürfte Herles kaum mit neuen Talk-Angeboten rechnen. Das Buch sei eine glatte "Austrittserklärung", sagte Küppersbusch. Und wenn doch ein Angebot komme, habe Herles definitiv "ein Problem". |
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