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Am Anfang war der Tod. Leben mit Manie und Depression.

Marianne Kestler

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Das ist kein Buch. Das ist ein Ereignis. Das sind 16 Höhenflüge und Abstürze und drei Hand voll Leben. Es ist sehr viel Schmerz und unglaublich viel Kraft.

Rezension für eine Biographie. Das ist nicht einfach, dachte ich als erstes, denn was steht es mir zu, ein anderes Leben zu kommentieren? Aber es geht hier um Literatur, erkannte ich als zweites, nachdem ich mich direkt nach Aufschlagen der ersten Seite so fest gelesen hatte, dass ich erst 20 Seiten später wieder auftauche. Wenn es Regeln für einen interessanten Schreibstil gibt, dann sind sie hier verwirklicht. Knappe, klare Sätze und keine Langeweile. Hier passiert schon auf den ersten Seiten dramatisches, es gibt keinen Anlauf, kein langsames Herantasten an die Handlung. Man ist sofort mitten drin. In Frau Kestlers Leben, ihren Gefühlen. Und ob es nun am Schreibstil liegt oder an der Art wie Leben nun mal ist: Alle Gefühle sind nachvollziehbar, mitfühlbar.

Es wird einem alles vertraut, das Fühlen, Frau Kestlers Leben und dabei das Leben allgemein. Da gibt es Ärger mit der Kranken-Verunsicherung und Momente mit Bewerbungsgesprächen, wie sie wohl fast jeder kennt. Und es gibt durchgängig in diesem Buch, die Nähe des Todes, wie sie für jeden von uns Wirklichkeit ist, obwohl das den wenigsten bewusst ist. Die Tabuzone Tod wird in diesem Buch zur Grenze an dem sich das Leben entfaltet und in dessen Schatten sich schließlich sogar die verloren geglaubte Liebe zu ihrem langjährigen Lebenspartner noch einmal aufrichtet. Der Tod als eine notwendige Grenze, die ansonsten in Kestlers Leben zu fehlen scheint.  

Da gibt es Übergriffe und Erfolge, die sich erst im totalen Absturz wieder begrenzen können. Und aus Schutt und Asche steht dann immer wieder der Feuervogel auf. Wenn Marianne Kestler vom Feuervogel schreibt, der im Versuch sich zu wärmen alles vernichtet, ist es ihr gelungen mit ihrem ganz individuellen Bild, etwas allgemein gültiges zu beschreiben. Der Kreislauf des Feuervogels, der, um seinem Leid zu entfliehen, die nächstliegendsten Mittel wählt und dabei immer mehr zerstört, ist auch ein Bild für unsere Gesellschaft und ihren Umgang mit Natur und Ressourcen. Und eben das macht das Buch wirklich lesenswert. Es ist nicht nur Biographie, nicht nur einzigartiges Schicksal, obwohl auch das schon interessant wäre.

"Am Anfang war der Tod" ist ein Herantasten an menschliche Höhen und Tiefen und das, was Leben eigentlich ausmacht. Es ist Anregung zum Nachdenken für jedermann. Die Wortwahl ist manchmal umgangssprachlich, also niemals abgehoben, aber manchmal vielleicht etwas derb. Zu grob eigentlich für diese Person, die sich da Seite um Seite als zart, sensibel und doch ungeheuer kraftvoll enthüllt. Die smileys sind aus der Internetkommunikation bekannt und tragen dazu bei, das Buch in einem ganz neuen Genre einzuordnen. Etwas, das anmutet wie ein persönliches Gespräch mit einer Freundin und doch Literatur ist. Eben das hat der Verlag erkannt und so diesen Textseiten und damit allen Lesern eine neue Entdeckung ermöglicht. Frau Kestler hat ihre Gedanken großzügig mit der Welt geteilt und hat durch den Verlag die Bestätigung bekommen, die diesem Text gebührt: Er ist etwas wert, etwas, wofür es sich lohnt, Geld auszugeben. Denn trotz aller schrecklichen Ereignisse, aller Schmerzen zwischen Liebe und Ausnutzung, die manchmal wirklich schwer verdaulich sind, steckt dieses Buch voller Trost. Spätestens als ich während eines Telefongesprächs mit einer traurigen Freundin dreimal hintereinander aus diesem Buch zitiere, wird mir klar, dass dieses Buch auch ermutigend ist. Zu wissen, dass es Menschen gibt, die so intensiv fühlen und leiden können, tut wohl.

Grenzüberschreitung ist in Marianne Kestlers Leben immer wieder schmerzhaftes Thema, aber es ist auch das positive an dem Buch: Grenzen der Sprachlosigkeit im Bereich von Gefühl, Not und Hilflosigkeit hat sie mutig überschritten. Grenzüberschreitung kann eben Missbrauch sein, aber auch Wachstum. Zuletzt wünscht man sich, dass es eine Fortsetzung geben wird und dass etwas von dem Buch auf die Welt abfärbt: Dass Menschen nicht fragen, warum bist du wie du bist, sondern, dass sie sich wirklich füreinander interessieren.

Rezensent
Verena Liebers,
Bochum, 03.10.2003, http://www.vigli.de 
 

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